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Die geheimnisvolle Stimme !

 

 

 

Früher lebte der Hexen – und Gespensterglaube noch mehr in den Menschen als heute. Man mied im Dunkeln verlassene Ecken.

 

 

Die Nacht hat sich bereits übers Land gesenkt. Schwere Regenwolken treiben dahin. Es ist stockdunkel. Ein Mann, der verspätet von der Arbeit kommt, schlägt den nächsten Weg vom „Nicke–Pettjen“ durch den „Borpech“ (Brunnenweg) zum Unterdorf ein. Seine Schritte hallen in die stockfinstere Nacht hinein. Der schrille Ton der alten Kirchenuhr gellt vom Dorfe her. Gedankenverloren strebt der Mann heim.

 

 

Plötzlich bleibt er erschrocken stehen. Was war das??? Deutlich hat er eine Stimme vernommen. Stille! Stille! – Das Herz schlägt zum Halse hinaus. Er beginnt zu laufen. Keuchend kommt er zu Hause an.

 

 

Am anderen Abend schlägt er wieder denselben Weg ein. Zitternd will er an der Stelle vorübereilen, von welcher gestern die Stimme herkam. – Da dringt wieder der Laut an sein Ohr – nur viel deutlicher: „Heute Nacht sind alle Steine Weck (Wecken) und alle Wasser Wein, und du bist mein!“

 

Der Mann fährt erschrocken zusammen. Was tun? „Zum Pfarrer“, schießt es ihm durch den Kopf. So schnell ihn seine Beine tragen, eilt er ins Pfarrhaus. In kurzen Sätzen schildert er hastig den ganzen Hergang. Den Pfarrer geleitet er an den Ort, wo er die Stimme vernahm. Der Pastor verrichtet einige Gebete. Damit ist die Sache vorläufig erledigt.

 

 

Heilig Abend! – Es ist eine sternklare Nacht. Unglücklicherweise muss der Mann gerade heute denselben Weg einschlagen. Es ist später als an denvorhergehenden Tagen. Ein Stück vor dem Schreckensort beginnt er zu laufen. Abermals vernimmt er eine Stimme. Wiederum dringt der Satz an sein Ohr: „Heute Nacht sind alle Steine Weck und alle Wasser Wein. Und du bist mein!“

 

 

Leichenblass dreht er sich um. In dem Moment fasst ihn jemand am Kragen und reißt ihn in den Brunnen.

 

 

 

Bis heute hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Seither ist dieser Ort eine gefürchtete Stelle.

 

 

 

 

 

(Quelle: Schulchronik der Gemeinde Müllenbach, Nachtrag 1956, Nacherzählt von Rita Köhn.)