Frau Ursula Buchholz schickte uns folgenden Beitrag aus dem Heimatbuch des Kreises Cochem 1926. Lehrer Daub aus Leienkaul verfasste diese Arbeit, um das Leben der Schieferbrecher in unserer Region zu dokumentieren.

Unsere Schieferindustrie

 

Von R. Daub

Die Kinderzeit der Schieferindustrie im Kreise Cochem liegt im Ausgang des 18. Jahrhunderts. An verschiedenen Stellen, so im Tale der wilden Endert, in der Nähe des alten Klosters Maria Martertal, brach man Schiefersteine, die aber größtenteils als Bausteine verwendet wurden. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich die Revolution tobte und vielen Leuten Heim und Habe nahm, kamen zahlreiche Auswanderer (Emigranten) auch in die Gegend von Kaisersesch, nach Leyenkaul, Müllenbach, Laubach und Masburg. Sie suchten Verdienst und begannen den dortigen Schieferreichtum auszubeuten. Noch heute erinnern Namen an die Emigranten, wie Gorges, Bourgeois (oft verkürzt Buschwa), Levef, Regnier. Ihr Betrieb war Tagebau, d.h. die oberen Erdmassen und Schieferschichten wurden abgetragen und die brauchbaren Schiefer bloßgelegt. Da der brauchbare Schiefer meist in größerer Tiefe liegt, war diese Arbeitsweise mit schwierigen Abschachtungsarbeiten verbunden; dazu kommt noch der Nachteil, daß guter Schieferstein, der unbearbeitet lange an der Luft und Sonne liegt und dadurch austrocknet, nicht oder doch schwer zu spalten ist. Solche Tagebau-Gruben waren im Sesterbachtal (heute noch erkennbar) und im Kaulenbachtal (dort wo Maria-Schacht heute seinen Schutt abladet). Später begann man Stollen in den Berg hineinzutreiben, so im Enderttal, in der Nähe der sogenannten Postbrücke (Napoleonsbrücke), ferner im Heibenberg, auf dem Kaulenberg (heute Maria Schacht), im Kaulenbachtal und im Sesterbachtal. Die Gruben trugen meist sonderliche Namen, wie Höllenpforte, Blumenkörbchen, Predigtstuhl, Milchwärm, Julienstuhl, Marstuhl, u.a.m. Ein Teil dieser Gruben waren Eigentum von Leuten aus Leyenkaul. An einer Grube hatten oft 10 – 20 Familien Anteil, sodaß der Gewinn unter vielen geteilt werden mußte. Andere Gruben waren nur von hiesigen Arbeitern gepachtet. Eigentümer dieser Gruben waren Leute aus Klotten. Die Pächter hatten nicht das Recht, den gewonnenen Schiefer beliebig zu verkaufen, sondern sie mußten ihn den Eigentümern nach Klotten bringen. Oft soll ein Rausch von Moselwein und Schnaps dabei geholfen haben, den Kaufpreis verschwindend klein zu machen. Es herrschte daher unter den Schieferbrechern größte Armut. Auch die Eigentümer bezw. Teilhaber von Gruben erzielten keinen großen Gewinn, da die Beförderung des Schiefers bei den damaligen Verkehrsverhältnissen sehr teuer war.

Der Betrieb in den Grübchen war äußerst mühselig und blieb es noch bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Auf in Felsen eingehauenen Stufen (200 und mehr) stiegen die Bergleute in die Erde, bekamen dort eine schwere Last Steine auf den Rücken gelegt und schleppten sie dann auf Händen und Füßen die Treppe hinauf zum Tageslicht. Ältere Leute berichten, daß auf dem „Schawerack“ (Kissen, welches auf den Rücken unter die Steine gelegt wurde und auf dem der Spalter sitzt), 3 Zentner und mehr getragen wurden. Dabei waren die Stollen eng und niedrig (anderthalb m hoch). Auch Frauen und Kinder mußten bei diesen Arbeiten helfen. Jeder „Käuler“ spaltete seine herausgetragenen Steine selbst heute sind Spalter und Kaulenmann getrennte Berufe); hatte er gute Steine gefunden, so verdiente er etwas. Oft genug aber kam es vor, daß ein Bergmann, nachdem er 5 – 6 mal an einem Tage in die Grube gestiegen, nicht einmal 1 M verdient hatte. Der Tagelohn war erst 0,60 M, später 0,80 M.

Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als die Gruben gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit den modernen Mitteln des Bergbaues ausgestattet wurden, und als der Schienenweg Mayen – Daun bessere Verkehrsmöglichkeiten anbahnte. Geldmänner begannen die kleinen Gruben und die Unterflächen (nicht die Felder) der umliegenden Ländereien aufzukaufen. Das führte zu einer vollständigen Umwälzung des Bergbaues, zu einer lohnenderen Betriebsweise und besseren Ausbeute und soll, wie die Bergleute heute noch erzählen, hauptsächlich den Bemühungen des damaligen Pfarrers Weber aus Müllenbach zu verdanken sein, der so die wirtschaftliche Not seiner Pfarrkinder zu heben suchte. Es entstanden die großen Betriebe: Maria-Schacht, Herrenwiese und Colonia, seit 1923 kommt noch die Grube Barbara hinzu. Sie alle ließen den Bergbau rationell betreiben, erzielten dadurch größere Gewinne und konnten ihren Arbeitern bessere Löhne zahlen. Der erste Schacht wurde im Jahre 1898 gebaut, die Steine wurden durch Maschinenkraft ans Tageslicht befördert. Maria-Schacht hat heute eine Tiefe von 125m und 5 Sohlen (Stockwerke), in denen gearbeitet wird. Zum loslösen der Steine werden neben Hacke und Hebel nun auch Bohr- und Schneidmaschinen zum Einsatz gebracht, die durch Pressluft betrieben werden (Kompressor). Im Spalthaus sitzt heute der „Spalter“ gemütlich auf einem „Schawerack“ (s. oben), und unter seiner Hand entstehen die verschiedensten Sorten Schiefer. Die zwei Hauptarten sind Rechtecke und Schuppen, die in folgenden Größen hergestellt werden: 1/32, auch genannt Königsschiefer, 1/16, 1/12 u.s.w. bis zum Ganzen, außerdem seien noch genannt, die Ort-, Fuß-, First- und Kehlsteine (je nach Lage auf dem Dach). In der Müllenbacher Gegend sind Königsschiefer und Sechzehntel am gebräuchlisten.

Die Werkzeuge des Spalters sind: Steinsäge, Spalteisen und Kippeisen. Der Kaulenmann bohrt unten im Abbau meterlange Löcher mit seinem Bohrhammer, sprengt mit Pulverladungen große Blöcke los, fährt sie mit Wägelchen, die auf Schienen laufen, zum Förderkorb, und in einigen Minuten sind sie dann oben im Spalthaus. Einige Spalter arbeiten mit einigen Kaulenmännern zusammen in einem „Gedinge“
Der vorhin geschilderte Aufschwung ist nicht von langer Dauer gewesen. Zwar ist die Zahl der Gruben von 1913 bis 1924 von 9 auf 11 gestiegen, aber die Zahl der insgesamt beschäftigten Arbeiter ist in dieser Zeit von 493 auf 405 und der Wert des gewonnenen Schiefers von 90587 M auf 45493 M gesunken.

Schiefergruben befinden sich auch im Lützbachtale bei dem Dorfe Lütz, doch bleiben sie inbezug auf Zahl, Größe und Ausbau weit hinter den vorhin genannten zurück. Die Gewinnung gestaltet sich hier weniger lohnend. Der nächste Verladebahnhof befindet sich in dem links der Mosel liegenden, mehr als 5 km entfernten Moselkern, und dadurch verteuert sich der Abtransport. Dazu kommt der Mangel an einer modernen Betriebsweise, und so ist der Lützer Schiefer kaum wettbewerbsfähig. Daher ist auch die Gewinnung in den letzten Jahren ständig zurückgegangen. Im Jahre 1923 waren noch 7 Gruben, im Jahre 1924 aber nur noch 4 im Betrieb. Daher ist auch die Einwohnerzahl von Lütz von 1913 bis 1925 von 428 auf 340 gesunken. Eine Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage wird hoffentlich auch hier zu einem neuen Aufschwung führen.





(Quellen: Heimatbuch des Kreises Cochem 1926, herausgegeben von der Heimatbuchkommision der Lehrerschaft des Kreises)

Dank an Frau Ursula Buchholz, die uns diese Arbeit als Gastbeitrag zu unserer Homepage zusandte.

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