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Nochmals können wir einen Gastbeitrag von Frau Ursula Buchholz auf unserer Homepage veröffentlichen. Frau Buchholz zeigt, da ihre Großeltern in unserem Ort lebten, reges Interesse an der Ortsgeschichte von Müllenbach. Im Jahre 2004 hat sie das von ihr erstellte Ortsfamilienbuch der Pfarreien Masburg und Müllenbach veröffentlicht. Dieses bietet jedem Müllenbacher Bürger die Möglichkeit seine familiären Wurzeln bis etwa etwa 1700 zurück zu verfolgen. In dem folgenden Beitrag berichtet sie von ihrer Motivation dieses Buch zu erstellen, so wie von den Schwierigkeiten und Besonderheiten mit denen man bei der Erstellung eines solchen Werkes zu kämpfen hat. Eines ist jedenfalls sicher, für jeden Müllenbacher Bürger, der ein wenig Interesse an seiner Orts- und Familiengeschichte hat, sollte diese Arbeit eine Pflichtlektüre sein. Die nachfolgenden Generationen werden es uns danken, wenn wir ihnen dieses einmalige Werk hinterlassen.
 
   
 
Die Kirchenbücher erzählen

All’ die duude Millebâcher


Vor ein paar Jahren geriet ich auf die Internetseite meines Grosscousins Werner Schumacher aus Kaisersesch und fand dort ein Bild seiner Urgrosseltern Matthias Hammes und Elisabeth Alflen aus Müllenbach. Die beiden waren auch meine Urgrosseltern, doch das Bild hatte ich noch nie gesehen, ich wußte nicht einmal, dass es überhaupt existierte. Es gab mir jedoch den Anstoss, intensiv in die Familienforschung einzusteigen.

Zur Silberhochzeit meiner Eltern vor über 30 Jahren hatte ich zwar auch ein paar Daten zusammengetragen, jetzt hoerte ich jedoch zum ersten Mal, daß es auch möglich sei, per Internet nach Vorfahren zu forschen. Und dass es sogar Leute gäbe, die ganze Kirchenbücher abschreiben würden, womit die Originale in den Archiven geschont und anderen Familienforschern zudem die Arbeit erleichtert würde. Die chronologisch angelegten Kirchenbücher würden in ein Computerprogramm übertragen, die einzelnen Familien mit all ihren Daten zu einem Ortsfamilienbuch zusammengestellt und so die Pfarrei in ihrer Gesamtheit dargestellt.


Ein Foto aus den frühen Jahren des 20.Jhd. Familie Hammes vor ihrem Wohnhaus im Wagenweg. Heute Anwesen K.H. Abramowicz.
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Es dauerte nicht lange und ich meldete mich für diese ehrenamtliche Arbeit in Trier im Bistumsarchiv an, mit der Bitte, die Pfarreien Masburg / Müllenbach und Ulmen bearbeiten zu können. Nach einiger Zeit erhielt ich dann in Fotokopie und als dicke Bücher gebunden die Heirats-, Tauf- und Sterberegister der Pfarrgemeinden Masburg von 1717 – 1798, Müllenbach von 1806 – 1854, das kleine Heft Pochten und einige Bücher von Ulmen. Ein Teil dieser Original-Matrikelbücher lag und liegt noch im Pfarramt Müllenbach und dankenswerterweise hat mir Herr Pfarrer Göbel auch diese Unterlagen zur Verfügung gestellt, so dass ich das Ortsfamilienbuch Müllenbach von 1717 bis 1899 erstellen konnte.


Bald wurde mir deutlich, dass dies kein Unterfangen war, das sich schnell nebenher verwirklichen ließ. Die Pfarrei Masburg umfasste schließlich die Gemeinden Masburg, Müllenbach, Laubach, Eppenberg, Kalenborn, Hauroth, Bermel, Leienkaul und Hochpochten.

Und Hochpochten ist ja noch ein Kapitel für sich. Bekanntlich stritten sich die Pfarreien Ulmen, Masburg-Müllenbach und Alflen um die Pfarrzugehörigkeit der Hofleute in Hochpochten. Folglich findet man die Kirchendaten der Bewohner des Hochpochtener Waldes verstreut im ganzen Umkreis. Sie heirateten mal in Alflen, mal in Uersfeld, mal liessen sie ihre Kinder in Masburg oder in Ulmen taufen, und mancher Familienforscher mit Ahnen in Hochpochten hat seine Vorfahren schon „zur Fahndung ausgeschrieben“.


Trotz der immensen Arbeit, die dieses Projekt mit sich brachte, war es doch eine lohnende Aufgabe, sich mit all den Familiendaten der ganzen Pfarrei zu beschäftigen. Denn es sind nicht nur nackte Daten, die zu einem Netz verwoben werden. Es sind unser aller Vorfahren, die im Dorf lebten, ihr Dorf gestalteten, und die irgendwo auch ihre Spuren hinterlassen haben. Und immer wenn der matrikelführende Pfarrer neben den Standardeinträgen ergänzende Informationen eingefügt hat, so werden die Daten zur Person, so bekommt die Person ein Gesicht und eine Geschichte. Dies ist es, was die Arbeit an den Büchern zum Erlebnis macht und den Verkarter für seine Mühen entlohnt Und so begleiteten auch mich „die duude Millebâcher“ der vergangenen 300 Jahre bei meiner Arbeit, und je größer der Datenbestand auf meinem Computer wurde, so vertrauter wurden sie mir.


Die Masburger Kirchenbücher beginnen um das Jahr 1720 herum. Als knapp 10 Jahre später die Eifel von einer Pockenepidemie heimgesucht wird, kommen die Pfarrer nicht nach mit dem Eintrag der Beerdigungen. Eine Generation später wundert man sich bei den Heiraten über ganz ungewöhnliche Altersunterschiede der Brautleute, bis man sich bewußt macht, dass die Auswahl an heiratsfähigen Partnern nach einer solchen Epidemie nicht mehr groß ist. Aus diesem Hintergrund heraus lässt sich auch die Heirat eines 18 Jährigen mit einer 40 Jahre alten Frau erklären. Das Leben musste schließlich weitergehen..


Ganz unberührt ließ mich auch nicht die Geschichte der Johannetta Schäfges von Hauroth, die am 5. Mai 1739 ihren Sohn Peter zur Welt bringt. „Als Vater nennt sie den Johann Schneider, den Sohn von Franz Schneider aus Masburg.“ Also ein uneheliches Kind, zur damaligen Zeit ‚in Schande geboren’. Die Geburt des Kindes übersteht sie nicht, doch Johann Schneider heiratet sie noch auf dem Sterbebett, um seinen Sohn zu legitimieren. Am 7. Mai, ohne die vorgeschriebene Ausrufung der Eheleute, findet die Trauung im Hause der Brauteltern statt. Wegen der aussergewöhnlichen Umstände reicht ein Priester nicht, Pfarrer Breuer zieht auch noch den Saccelan Nikolaus Mies hinzu. Als Trauzeugen werden die Honoratioren des Dorfes gerufen, die Synodalen Nikolaus Theisen, Anton Theisen und Hermann Schäfges. Damit auch ja keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Trauung aufkommen, vergisst Pfarrer Breuer nicht den Zusatz: „Obwohl die Braut schon in Agonie lag, war sie doch noch bei klarem Verstand“. Als Ehefrau von Johann Schneider jr. aus Hauroth wird Johannetta dann am 9. Mai 1739 in allen Ehren begraben.


Ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit eines Verkarters entfällt darauf, die alte Handschrift aus den Originalbüchern zu entziffern und das damals noch verwendete Latein ins Deutsche zu übersetzen. Trotz aller Übung, die sich mit der Zeit einstellt, können sich dabei einige Schwierigkeiten ergeben.

So gibt es am 19. Oktober 1749 den Tod der Witwe Magdalena Geller zu vermelden „in piscina Martenthal repertum est cadaver Magdalena Gellers, vidua de Müllenbach.“ Magdalena Pörling, verwitwete Geller, aufgefunden in "Piscina". Der von mir um Rat gebetene Lateinlehrer bemerkte hierzu, ein Piscina könne entweder ein Schwimmbad oder aber ein Fischteich sein. Wenn man ein Kirchenbuch verkarten will, muß man über Ortskenntnisse verfügen. 1749 in Martental ein Schwimmbad, das war mehr als unwahrscheinlich, Magdalena war also in den Fischteich des Klosters gefallen. „Seit ihr Haus abgebrannt war, war sie ganz wirr im Kopf.“ hatte der Pfarrer noch dazugesetzt.


Zu Anfang sind es nur wenige Familien und Namen, die in den Büchern zu bearbeiten sind, Irmen, Steffes, Klee, Stoll, Wölwer, Alflen, Peters, Brost, Miesen, Pörling, um nur einige zu nennen. Ab und zu zieht mal ein Fremder ins Dorf und bleibt dort wohnen, wie Friedrich Klotz, der 1780 als ambulanter Händler nach Müllenbach kommt und dort das erste Kind taufen läßt. Oder Peter Welter, den es 1740 als Holzhauer von Zell nach Hochpochten verschlagen hat. So um 1780 nimmt auch der Schieferbergbau größere Ausmaße an, und als Folge tauchen bald die ersten französischen Namen in den Kirchenbüchern auf. Angelockt von der Qualität des Müllenbacher Schiefers kommen Bergleute aus Fumay, einer Stadt in den französischen Ardennen, nach Laubach und Müllenbach. Es handelte sich also keineswegs um Flüchtlinge, die während der französischen Revolution aus ihrer Heimat geflohen sind, oder um Soldaten Napoleons, die mit Eifeler Mädchen eine Familie gründeten. Bereits 1784, also 5 Jahre vor der Revolution, lassen Simon Josef Lefevre und seine Anna Katharina eine Tochter in Müllenbach taufen. Als 20 Jahre später die Franzosen im Rheinland das Sagen haben, nennt sich die Familie Lefevre vorsichtshalber „Pfiff“, um nicht wegen Republikflucht angeklagt zu werden. Und Simon Josef Allard behauptet vor dem französischen Standesbeamten in Kaisersesch, weder Lesen noch Schreiben zu können, um so seine französische Herkunft zu verschleiern.
Nach den französischen Bergarbeitern kommt nach 1800 noch einmal eine Gruppe Hunsrücker Schieferbrecher aus den Dörfern Thomm und Fell bei Trier.nach Laubach / Müllenbach Dazu gehört auch Johann Josef Gorges mit seiner Familie. Zusammen mit den Berenz und den Bourgeois siedeln sie als erstes in Sesterbach. Die Familie Bourgeois behält übrigens recht lange die französische Schreibweise des Namens bei, erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erscheint der Name endgültig als „Buschwa“. Die Regniers haben ihren Namen nie geändert, in Fumay jedoch wurde der Name „Renier“ geschrieben.


 
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Auf den beiden Fotos zu sehen Nikolaus Abler, geboren um 1800 in Müllenbach, und seine Frau Elisabeth Kreuser, geboren in Laubach, aufgenommen in Mount Calvary, Wisconsin, um 1870.
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Doch die Phase der Zuwanderung währt nicht ewig. Wie in vielen anderen Dörfern der Eifel werden auch in Müllenbach die Menschen durch die Not zur Auswanderung getrieben. Die Gründe hierfür sind vielfach. Zum einen ist der Schieferbergbau in eine Krise geraten, außerdem hat die Kartoffelkrankheit zu schlimmen Missernten und Hungersnöten geführt. Als wäre dies noch nicht genug, da brennt auch noch das Dorf nieder.
Johann Josef Steffes-hof, Johann Kremer, Matthias Salchert, Anna Barbara Peters, Jakob Steffes, Matthias Valerius oder Nikolaus Abler sind nur einige der Emigranten, die in Amerika ihr Glück suchten und wohl auch größtenteils fanden.



Dabei kann und wird ein solches Buch nie ohne Fehler sein.
Fehler machten schon die Pfarrer beim Eintrag in die Matrikelbücher, und Fehler unterlaufen auch dem Verkarter, wenn die Zuordnung in den Familien nicht stimmt oder etwas falsch entziffert wird. Eigentlich müßten die Daten ja grundsätzlich so übernommen werden, wie sie im Kirchenbuch vorgegeben sind. Den folgenden Eintrag habe ich aber dann doch vom Datum her recht eigenmächtig abgeändert und mit einem Kommentar versehen:
 
 
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1825, den 31. Dezember starb Christina Alflen, 1 Jahr alt, legitime Tochter von Hermann Alflen und Gertrud Abler, Ehepaar aus Hochpochten. Begraben am 34. des gleichen Monats auf dem Müllenbacher Friedhof.
 
Genau so problematisch war der Eintrag vom Tod des Matthias Stoll
1ma Aprilis obiit Matthias Stoll sacro dumtaxat oleo propter insapientiam inunctus a vicario Esch in Müllenbach. Sepultus in Müllenbach.
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[Am 1. April ist Matthias Stoll gestorben, wegen seiner Unverständigkeit nur mit dem heiligen Oel vom Vikar Esch in Müllenbach versehen. Begraben in Müllenbach]. Hier habe ich drei Experten um Rat gebeten, bis eine sinnvolle Übersetzung vorlag.
 
Auch die immer gleichen Vornamen erschwerten die Arbeit in der Zusammenstellung der Familien nicht unerheblich. Die männlichen Bewohner des Dorfes hießen Johann, Anton, Matthias oder Josef, die Frauen hießen hauptsächlich Anna, Barbara, Maria Margaretha, Catharina oder Elisabeth. Nur in Hauroth war es anders, dort favorisierte man Hubert und Luzia. Dann gab es in Müllenbach das Problem STEFFES, das ich nur durch die Hilfe von Herrn Rolf Peters aus Müllenbach und die Vorarbeit im Pfarrfamilienbuch St. Hubertus Müllenbach lösen konnte. Hier waren die vielen Steffes in allen Namensvarianten schon mal vorsortiert, so dass die Einordnung leichter wurde. Im Matrikelbuch stand oft nur „Steffes“, obwohl es längst die Namenszusätze gab. Und wenn dann die Maria Steffes-mies den Matthias Steffes-mies heiratet und der Pastor schreibt bei beiden nur Steffes, dann wird es schwierig.
 
Viel gaebe es noch zu erzählen, von der Diphterie-Epidemie im Jahre 1882 z.B., als in knapp 2 Monaten fast 40 Menschen starben, hauptsächlich Kinder; Anton und Maria Elisabeth Mertes aus Laubach müßen innerhalb von 3 Wochen 4 ihrer insgesamt 11 Kinder begraben. Oder von den vielen Toten, die in den Schiefergruben verunglückten. Oder von der bemerkenswerten Tatsache, dass unsere Vorfahren noch drei bis vier Generationen zurück die Verwandtschaftsverhältnisse im Dorf kannten. Wie sonst ist es zu erklären, dass man sich bei Eheverkündigungen der Blutsverwandtschaft in der 4. Generation noch bewußt war und zur Heirat beim Bischof eine Eheerlaubnis eingeholt werden mußte.

Wenn die Leser des Buches den gleichen Spaß damit haben werden, wie ich ihn beim Schreiben verspürte, so hat sich die Arbeit gelohnt.


Ursula Buchholz (geb. Hammes)
 
Internetbearbeitung: Dieter Laux


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